Vorträge


24
Aug 10

2010-08-15 BOXI

Eröffnungsrede

 

Boxi

BETWEEN A DREAM AND AN EXCUSE

15.08.10

(Es gilt das gesprochene Wort)

 

20. April 2010, Welt online   

Auf der Ölbohrinsel „Deepwater Horizon” im Golf von Mexiko gibt es eine Explosion. Die meisten der 126 Arbeiter können gerettet werden, 11 bleiben vermisst.

 

22. April 2010, Welt online    

Die brennende Bohrinsel sinkt. Zum Untergang trägt eine Serie technischer und menschlicher Fehler bei.

 

25. Mai 2010, www.focus.de  

Fischer fürchten um ihre Existenz: Drei US-Bundesstaaten haben den Notstand für die Fischerei ausgerufen. BP hat indessen neue Pläne, um das sprudelnde Öl zu stoppen.

 

24. 05. 2010, www.focus.de  

Ölpest: USA sperren Traumstände

Die Ölkatastrophe nach der Explosion der BP-Plattform schwappt nun über die US-Küste hinweg. BP und die US-Regierung scheinen hilflos.

Vogel-Brutgebiete sind von brauen, klebrigen Ölklumpen übersät. Verseucht sind sogar die Nester und Eier. Ein Pelikan wurde gefilmt, wie er verzweifelt versuchte, Öl an Federn und Beinen loszuwerden. Öl drang auch in die Sümpfe des Mississippi-Deltas ein. Experten: Die Reinigung ist dort „praktisch unmöglich“.

 

10. Juni 2010, Welt online

Allein in Louisiana haben inzwischen mehr als 70 Menschen ärztliche Hilfe gesucht – wegen Übelkeit, Kopfschmerzen, entzündeten Augen und Atembeschwerden. Mindestens 1100 ölverschmierte Vögel wurden gefunden, der größte Teil von ihnen tot.

 

23.Juli 2010, Focus online

Tropensturm „Bonnie“ wirbelt Zeitplan durcheinander

Wegen dem Tropensturm „Bonnie“ haben alle Arbeiten am Ölleck im Golf von Mexiko beendet werden müssen. Alle Schiffe, von denen aus die Entlastungsbohrungen gemacht werden, wurden abgezogen. Dadurch verzögern sich die Arbeiten am Verschluss des Öllecks, das die Ölpest in den USA verursachte, um bis zu zwölf Tage.

 

27.07.2010, Focus online money

Hayward tritt zurück – BP mit Milliardenverlust

Svandberg würdigte Haywards Verdienste um das Unternehmen und äußerte sich „tief betrübt“ über seinen Abgang.

Der wird dem 53-Jährigen mit der Nominierung für einen Aufsichtsratsposten bei TNK-BP und mit einem Jahresgehalt von 1,045 Millionen Pfund (1,26 Millionen Euro) versüßt. Auch behält er seine Aktienoptionen aus einem Bonusprogramm, die etliche Millionen wert sein können, wenn sich der seit dem Unglück um 40 Prozent eingebrochene Kurs wieder erholt. Dazu kommen Pensionsansprüche von rund 700.000 Euro jährlich.

 

Greenpeace protestiert
Mit Demonstrationen an Londoner Tankstellen und vor der BP-Zentrale in Bochum protestierte Greenpeace gegen die ökologische Bilanz des Ölkonzerns. 100 Tage nach Beginn der Katastrophe im Golf von Mexiko werde immer deutlicher, dass Ölbohrungen in der Tiefsee nicht beherrschbar seien und BP nichts aus dem Desaster gelernt habe, kritisierte die Umweltorganisation. BP müsse seine Unternehmensstrategie umkrempeln und sich von der Tiefseeförderung verabschieden.

 

29. Juli 2010, ZEIT ONLINE

Millionen Liter Öl ausgelaufen – Michigansee bedroht

Den USA macht eine neue Ölpest zu schaffen: In der Ortschaft Marshall im Bundesstaat Michigan ist am Montag eine Pipeline gebrochen. Inzwischen sind mehr als drei Millionen Liter Öl in den kleinen Fluss Talmadge gelaufen. Ein Teil davon floss wiederum in den Fluss Kalamazoo, der in den Michigansee mündet. Damit ist einer der fünf Großen Seen Nordamerikas von einer Umweltkatastrophe bedroht.

 

29. Juli 2010, n-tv.de

Satte Gewinne im Öl-Geschäft Shell steht voll im Saft

 

31. Juli 2010, Welt online

Laut des Gouverneurs von Louisiana sei eine 30 Meter hohe Ölfontäne aus dem Leck geschossen, es sei aber unter Kontrolle.

 

31. Juli 2010, WELT ONLINE

Falscher Zement führte zur Öl-Katastrophe

Der Konzern sparte Zeit, Geld sowie die Sicherheit der Meere. Experten enthüllen, wie es zur Explosion der Bohrinsel “Deepwater Horizon” kommen konnte.

 

31. Juli 2010, SF Tagesschau International

Das US-Repräsentantenhaus hat angesichts der verheerenden Ölpest im Golf von Mexiko schärfere Regeln für Tiefseebohrungen verabschiedet. Ein ähnliches Gesetz wird auch im US-Senat beraten.

Nach dem Untergang der Bohrinsel «Deepwater Horizon» des britischen Energiekonzerns BP war seit Mitte April fast drei Monate lang Öl in den Golf von Mexiko geströmt. Erst Mitte Juli war es BP gelungen, den Ölfluss zu stoppen. Die Abdichtung ist jedoch nur eine Zwischenlösung. Der endgültige Verschluss der lecken Ölquelle mit Hilfe von Schlamm und Zement soll bis Mitte August erfolgen.

 

 

„Peace, Joy ‘n‘ Pancakes“

Der politische Zusammenhang zwischen den Ausstellungsobjekten und den Schlagzeilen wird vor allem mit dem Werk „Peace, Joy ‘n‘ Pancakes“ deutlich. Wir haben ein Seebild vor uns, dessen Grautöne bei ungenauem Hinsehen dem Betrachter Unwetter assoziieren lässt. Haben die Romantiker für sich das Erhabene in der Natur entdeckt , es in ihren Abbildungen gewürdigt und mit entsprechenden Stilmitteln hervorgehoben, so entsteht hier der Bruch und wir sehen ein politisches, auf die Realität bezogenes Werk. Ähnelt die Stimmung im ersten Moment vielleicht der des Gemäldes „Der Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich, so wird schnell deutlich, dass es sich hier nicht um eine Naturerscheinung handelt, sondern eine Katastrophe, hervorgerufen durch den Menschen. Wir sehen auf der linken Seite ein Objekt, eingehüllt in dunklen Rauchschwaden. Die beiden Löschschiffe lassen uns wissen, dass hier ein Feuer gelöscht wird. Die Assoziation zur Bohrinsel „Deepwater Horizon“ liegt für den Betrachter nahe und ist von dem Künstler beabsichtigt. Die bis ins Schwarze gehenden Rauchschwaden auf der rechten Seite des Bildes verstärken die unheimliche und beängstigende Wirkung des Werkes.

 

Wir haben es hier mit einer Form der gegenständlichen Malerei zu tun, die mit ihrem Realitätsbezug eine deutliche, allgemein verständliche Sprache führt. Es geht nicht um die Gefühlswelt des Einzelnen, des Individuums, sondern um Situationen und Umstände, deren katastrophale Ausmaße alle Lebewesen bedrohen. Der Mensch als Verursacher tritt auf diesem Gemälde nicht in Erscheinung – als ob sich die Zerstörung ohne den Menschen verselbstständigt hat. Damit wird nicht nur das Bedrückende der Situation, sondern auch unsere Hilflosigkeit wieder gespiegelt.

 

„Good Morning Mr. Nicolson“

Realistische Kunst ist nicht zu verwechseln mit Fotographie oder detailgetreuer Malerei. Sie werden gleich hören und sehen, was es mit diesem Satz auf sich hat.

Wenden wir uns dem Bild „Good morning Mr. Nicolson“ zu. Mr. Nicolson alias Boxi nimmt mit dem Titel direkten Bezug auf Courbets Bild „Die Begegnung“ oder “Bon jour Monsieur Courbet“.

Courbet ist der (selbst ernannte) Gründer der Stilrichtung ‚Le Realismè’. Obwohl ihm als erfolgreicher Maler vertraglich die Ausstellung seiner Bilder im Salon zugesichert wurde, lies die Jury zur Weltausstellung 1855 in Paris drei seiner heute bekanntesten Werke nicht zu:

 

-          ‚Das Atelier’

-          ‚Das Begräbnis von Ornans’

-          ‚Das Bildnis Champfleurys’

 

Aus Protest errichtete Courbet seinen eigenen Pavillon in der Nähe des Ausstellungsgeländes mit einem großen Schild über dem Eingang: `Pavillon du realismè’

 

Damit war zwar ein neuer Begriff für eine Stilrichtung geboren, jedoch nicht eine neue Art der Malerei. Den wirklichkeitsnahen oder -getreuen Effekten haben sich schon Maler in der Vergangenheit bedient. Denke man an Goyas Gemälde der königlichen Familie Karls des IV (1800). Eine von den unzähligen äußerst kritischen wirklichkeitsnahen Darstellungen. Es handelt sich bei diesem Familiengemälde um eine nicht eben schmeichelhafte Wiedergabe der einzelnen Akteure. Gassier/Wilson sprechen von einem „unbarmherzigen Realismus“.

Courbet erhob jedoch den Anspruch, als erster die Darstellung der Wirklichkeit, die aus sich selbst heraus, unkommentiert Kritik übt, zu einer stilistischen Form mit überprüfbaren Merkmalen:

Courbets Rede in Antwerpen anlässlich des Künstlerkongresses kennzeichnet Courbet das Wesen realistischer Kunst als einer künstlerischen Methode, die durch drei Momente bestimmt ist:

 

-          Ablehnung des Ideals

-          Anerkennung der Prinzipien politischer Philosophie

-          Politische Zielsetzung

 

Zunächst muss „Die Begegnung“ (Bon jour Monsieur Courbet) im Kontext zweier weiterer Gemälde Courbets betrachtet werden. „Die Rückkehr aufs Land“ von 1852 stellt Courbet selbst, als einen freien, wilden, den Konventionen den Rücken kehrenden Wanderer dar, der die Natur und das ländliche Leben als seine Heimat begrüßt. Mit der Geste des schwenkenden Hutes wird dieser Gruß bestätigt. Der „Prügel“ (Wanderstab), den der Wanderer über der Schulter trägt, war für die damalige bürgerliche Gesellschaft und die gehobenen Schichten eine Bestätigung, die Landbevölkerung als Urheber sozialer Unruhen zu sehen. Von der zentralen Regierung verdächtigt wurde besonders die Landbevölkerung überwacht. Das Gemälde „Die Rückkehr“ hat somit etwas Provozierendes, während das Gemälde „Bonjour…“ den vermittelnden Aspekt einbezieht, ohne jedoch Anpassung evozieren zu wollen. Vielmehr hat sich Courbet als Kosmopolit und Regionalist verstanden, der sich nach eigener Aussage, einer Doppelstrategie bedient, die in sich keinen Widerspruch birgt. Auf seinen Gemälde Bonjour Monsieur Courbet vereint Courbet  den bäurisch, wilden, widerständischen mit dem versöhnenden Menschheitsführer, der seine Botschaft friedlich und über die Grenzen verbreitet. Diesen friedfertigen Botschafter hat Courbet auf einem vorangehenden Gemälde als „Der Apostel Jean Journet bricht auf zur Verbreitung der universellen Harmonie“ dargestellt.

 

Auch von dem Gemälde „Bon jour Mr. Nicholson“ geht keine Aggression von den Protagonisten aus. Die Grautöne lassen das Bild düster, ja bedrohlich wirken und auch das Licht am Horizont strahlt nicht unbedingt Wärme aus, dennoch nehmen wir die unheimliche Ruhe war. Die Unheimlichkeit wird von den Figuren Vater und Kind bzw. Boxi mit seiner Tochter verstärkt. Der Rucksack steht für den Wanderer, das Kind für Schutz, Geborgenheit und Frieden. Die Drohne am Himmel steht für die gezielte Überwachung und Bedrohung eines politisch militärischen Systems. Die Weite, hervorgerufen durch Grautönung, Horizont und Lichtspiel lässt die beiden Wesen vereinzelt und schutzlos, der gezielten Überwachung ausgeliefert erscheinen. Die Drohne ruft uns nicht nur den Begriff der Überwachung durch das Militär in Kriegssituationen in das Bewusstsein; die Figuren von Vater und Tochter führen uns das Alltägliche dieses Überwachungszustandes im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen. Denken wir an das Internet mit Google Street, den vielen Überwachungskameras in den Städten, die aufgeweichten Datenschutzgesetze und Persönlichkeitsrechte.

Die fast harmonische Wirkung des Bildes irritiert zunächst, lässt den Betrachter verweilen – inne halten und die Beklemmung die wir spüren, die im Gegensatz zur Tiefenwirkung und damit Weite des Bildes steht, sich ausbreiten.

 

„The Embrace – Die Umarmung“

Ich möchte an dieser Stelle überleiten zu dem Bild „Die Umarmung“. Boxi nimmt hier auf ein relativ frühes Werk Picassos „El abrazo“  (1903) bezug. Mehrere Skizzen lässt Picasso schließlich in einem Pastell gipfeln. Diese Umarmung von Mann und Frau drückt Verzweiflung aus. Ihre Nacktheit zeigt nicht nur Empfindsamkeit sondern auch Verletzbarkeit. Die Figuren bilden zusammen eine geschlossene Form, die mit den verschlungenen Oberkörpern in einem Rundbogen mündet. In ähnlicher Pose stellt Boxi seine Figuren dar.

Die Haltung bis zu den Beinen (Standbein/Spielbein der rechten Figur). Nur die Oberkörper sind in ihrer Umarmung diametral. Der Arm der Linken Figur legt sich schützend auf den Hinterkopf der rechten. Die Schutzanzüge lassen die Figuren fast zu einer kompakten Einheit verschmelzen. Eingehüllt in dem knittrigen Material wirkt auch diese Umarmung verzweifelt und löst beim Betrachter Unbehagen aus. Die Schutzanzüge betonen eher die Fragilität der Personen, die sie verbergen und unterstreichen die hier nicht greifbare und doch so existente Bedrohung, verstärkt durch die Farbgebung und Tiefenwirkung des Hintergrundes.

 

„Zeitkapsel – Time Capsule TC15082K10“

Unter dem Begriff Time Capsule findet man unzählige Angebote technischer Geräte (drahtlose Festplatten mit Basisstation und Dualband – Unterstützung zur Sicherung deiner Erinnerungen bis hin zur Zeitkapsel, die 1992 mit Gegenständen von Kindern gefüllt wurde, die Ihnen wichtig erschienen und die im Jahre 2042 wieder geöffnet werden soll. Diese Zeremonie fand in den Nickelodeon Studios bei den Universal Studios in Orlando, Florida statt. Samenbanken sind in gewisser Weise auch Zeitkapseln – sichern sie doch den botanischen Bestand über Jahrhunderte hinweg – von diesen hat der Künstler sich schließlich u.a. zu seiner Time Capsule anregen lassen.

Bei Boxis Zeitkapsel geht es weniger um den eher harmlosen Wunsch, die Nachwelt mit den Ideen von heute zu beglücken oder sich technische Erinnerungshilfen zuzulegen. Ganz in den Kontext der Ausstellung eingebettet, werden wir mit dem Katastrophenfall konfrontiert. Hier geht es um das Überleben. Der Künstler hat bis ins Detail geplant, welche Gegenstände notwendig sein können im Falle des Überlebens eines apokalyptischen Szenarios.

Auch wenn sich mit diesem Werk der Wunsch nach überleben ausdrückt und eine detaillierte Planung erfolgt ist, so haben wir es doch mit Vorstellungen zu tun, die sich auf ein Nachher beziehen. Diese Vorstellungen finden mit Sicherheit Nahrung im Nachher der weltweiten Katastrophen, die vermehrt auf Umweltschäden bzw. Klimawandel zurückzuführen sind.

 

Damit schließt sich der Kreis in dieser Ausstellung. Wir erleben hier nahezu sinnlich die Ausmaße der Umweltzerstörung als Hybris der Menschheit. Der Wunsch zu leben entwickelt sich zum Überlebenswunsch.

Hier wird eine Zeitkapsel gepackt, wie ein großer Koffer. Wohin die Reise geht weis niemand so genau – Hauptsache Überleben!

 

Diese Ausstellung führt uns Aspekte der Wirklichkeit vor Augen, die wir häufig nur in der bildhaften Distanz der Medien erleben. Diese Distanz wird hier aufgehoben; wir können uns nicht entziehen. Wir finden uns wieder zwischen Traum und Ausrede.

 

Dem Betrachter wird mit ungeheurer Wucht deutlich gemacht, dass er in der Zukunft schon längst angekommen ist. – Hauptsache Überleben?

 

© Dr. Sven Nommensen


25
Nov 09

2009-11-22 Zangs

zur Eröffnung der Ausstellung Herbert Zangs  “Arbeiten aus fünf Jahrzehnten”

von Dr.Sven Nommensen

Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig

Herbert Zangs, der in Krefeld aufwuchs, meldete sich am 8. März 1941 – wenige Monate nach dem Beginn seiner Ausbildung zum Musterzeichner an der Krefelder Werkschule und kurz vor seinem 17. Geburtstag – freiwillig zum Kriegsdienst.

Bereits dieses Ereignis aus seiner Jugend liefert Indizien für die Veranlagung des 1924 geborenen Zangs und ist zugleich eine wichtige Voraussetzung für seine künstlerische Entwicklung.

 

Zunächst zur Entscheidung, in den Krieg zu ziehen: Seine Biografin Susannah Cremer-Bermbach schreibt, diese Entscheidung war seiner Abenteuerlust geschuldet. Diese spontane Sprunghaftigkeit, diese Neugier nach Unbekanntem, dieses Fernweh sollten sich als Eigenschaften  herausstellen, die er als Lebensstil etabliert.

 

Bereits vor der Ausbildung zum Musterzeichner hatte Zangs verschiedene Ausbildungen begonnen und wieder abgebrochen. Nach seinem Kunststudium setzt er seinen unsteten Lebensstil fort, besitzt keinen festen Wohnsitz, kehrte allenfalls zwischen seinen Reisen immer wieder nach Krefeld zurück. Er reiste durch Europa, Afrika, Asien, Amerika, Australien – mit wenig oder ohne Geld –, quartierte sich bei Freunden, Galeristen oder Fremden ein. In Paris lebte er seit den 50er Jahren für einige Monate oder auch für längere Zeiträume – hier sollte er viele Künstler treffen, die für seine Entwicklung maßgeblich waren.

 

War er auf der einen Seite angetrieben durch Unstetigkeit, Neugierde und Schaffenskraft ständig auf der Suche nach Inspirationen, nach Experimenten, nach Anregungen und Anlässen. stand ihm auf der anderen Seite die Sprunghaftigkeit im Wege. Breite öffentliche Anerkennung wie die seiner Mitstreiter Joseph Beuys, Yves Klein oder Piero Manzoni sollte ihm versagt bleiben – obwohl er das vorweggenommen hat, womit Klein und Manzoni weltberühmt werden sollten, das Weiß als bestimmende Farbe.

Es hat den Anschein, als dass er es in Kauf nahm, sein Werk, dem unzweifelhaft ein Platz an höchster Stelle gebührt, selbst zu desavouieren.

Eine Ursache scheint seiner Einstellung gegenüber der offiziellen Zunft der Kunsthistoriker geschuldet zu sein. „Um Kunsthistoriker habe sich Herbert Zangs nie gekümmert„, gemerkt Manfred Schneckenburger zu Recht. Umgekehrt stellt Zangs die Kunsthistoriker, die traditionellerweise auf Kategorien zurückgreifen und vergleichende Zuordnungen schaffen, vor schwierige Aufgaben: seine Unberechenbarkeit, Antikonformistismus und künstlerischer Anarchismus förderten ein “hochsensibles Kraftwerk” (Schneckenburger) zu Tage.

 

Symptomatisch für Zangs’ Unberechenbarkeit war denn auch seine Reaktion auf die Begegnung mit Heinz Mack und Otto Piene. Die beiden Künstler waren im Begriff, eine der wichtigsten deutschen Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg zu gründen, die Gruppe ZERO, und boten ihm die Teilnahme an. Zangs schlug aus.

Schon in diesen frühen Jahren deutet sich der Eindruck an, den Zeitzeugen über Zang gewinnen mußten. So schreibt Uwe Rüth, der ehemaliger Direktor des Museums “Glaskasten“ in Marl: „Seine lebenslangen Eskapaden, seine bis zum Bösartigen reichenden Provokationen, sein unbeeinflussbarer aber ausnutzender Umgang mit der offiziellen Kunstwelt – vom domestizierten Museumswesen bis zum kommerzialisierten Kunsthandel – und seine von jeglicher Abhängigkeit gelöste Lebensform haben ihn zum ‚enfant terrible’ aber auch zum ‚Phänomen’ (Peter Brünung) Zangs gemacht. Insofern ist Herbert Zangs einer der letzten unabhängigen Avantgarde-Künstler, der sein Leben und sein Werk konsequent und rücksichtslos verwirklichte.“

 

Doch zurück zu den Anfängen seiner Laufbahn:

Der zweite Aspekt, der sich aus der in der Jugend getroffenen Entscheidung für den Kriegsdienst herauslesen lässt, betrifft seine künstlerische Affinität.

 

Schon während des Kriegsdienstes trat sein Interesse für gestalterische Tätigkeit zu Tage. Er illustrierte Offiziersgedichte und Briefe, was ihm die Anerkennung der Kameraden und das nötige Selbstvertrauen einbrachte, sich nach dem Ende der kriegsbedingten Entbehrungen und Erfahrungen für ein Kunststudium zu entscheiden.

In die Zeit des Kriegsdienstes fiel auch ein Ereignis, das für seine Objekt-Verweissungen von Bedeutung sein sollte und von dem noch die Rede sein wird.

 

Nach dem Krieg nahm Zangs sofort sein Studium in der Akademie Düsseldorf auf. Hier sollten sich materielle Zwänge unmittelbar auf sein Verhältnis zur tradierten Auffassung von Kunstproduktion und den weitläufig anerkannten kunstgeschichtlichen Konventionen auswirken. Die aus der Studienzeit stammenden Arbeiten lassen keine nennenswerten Einflüsse bestimmter Lehrer erkennen; die gegenständlichen Gemälde oder stilisierten Landschaften entsprachen der noch aus Vorkriegszeiten anhängenden Stilrichtungen und der konservativ ausgerichteten Lehrerschaft der Akademie.

Während sich Zangs für Kunstgattungen, Stilkunde oder akademische Fragestellungen kaum interessierte, war hingegen für ihn die Abteilung der Maltechnik unter der Leitung von Wilhelm Herberholz von entscheidender Bedeutung. Hier wurden den Studenten nicht nur die Grundkenntnisse der Maltechnik vermittelt – wie das Grundieren von Leinwänden, Aufziehen auf Keilrahmen, Herstellung von Farben und drucktechnischen Hilfsmitteln sowie verschiedener Mal- und Zeichentechniken -, der Abteilung der Maltechnik war darüber hinaus die Restaurierungswerkstatt angegliedert. Unter Anleitung von Herberholz reparierten und restaurierten die Kunststudenten kriegsbeschädigte Gemälde und Keramiken der Akademiesammlung. Beide Betätigungsfelder – das Studium der Maltechnik und das Restaurieren – bereiteten Zangs ein weites Feld für den experimentellen Umgang mit aller Art von Material. Entgegen der akademischen Tradition, nur erprobte und „angemessene“ Materialien zu verwenden, machten die Studenten der Maltechnik aus der nachkriegsbedingten materiellen Not eine Tugend und griffen auf unkonventionelle Materialien zurück, z.B. Makulatur als Maluntergrund.

 

Während des Studiums lernte Zangs auch Joseph Beuys kennen, haben sich die beiden doch fast zeitgleich in der Düsseldorfer Akademie eingeschrieben. Schon im Studium zeichnete sich ab, dass beide unterschiedliche Wege einschlugen. Während Beuys sich an seinem Lehrer Ewald Mataré abarbeitete und später die Themen Tod, Schmerz und Leid intellektuell durchdrang, suchte der handwerklich begabte Zangs den experimentellen Umgang mit aller Art von Material. Die Lebensumstände und die künstlerischen Aktivitäten führten die beiden immer wieder zusammen. Beuys war von der Schaffenskraft Zangs beeindruckt. Er sagte über ihn: „Die Frage, die er immerfort vor sich her produzierte war, wie das Schicksal eines Vollblutmalers in dieser Zeit wohl aussehen würde. Er lieferte eine ganze Reihe von Gegenbildern, an denen man sehr viel Orientierung finden konnte.“

 

Bereits Ende der 40er Jahre begann in Europa ein künstlerischer Paradigmenwechsel. Von Paris aus – dem europäischen Nukleus der abstrakten Kunst – breitete sich über Deutschland eine neue Formensprache aus. Für deutsche Künstler waren die amerikanische Variante der Abstraktion, der so genannte Abstrakten Expressionismus, und die lyrische Abstraktion französischer Prägung eine Konfrontation mit einer gänzlich neuen Formensprache, die viele der bisher als unverrückbar geltenden Normen und Anschauungen in Frage stellte.

 

Auch in Deutschland ließ die Reaktion nicht lange auf sich warten. In Recklinghausen gründete sich 1948 die Künstlervereinigung „Junger Westen“ mit Emil Schumacher, Heinrich Siepmann u.a. 1949 gruppierten sich die Künstler Willi Baumeister, Fritz Winter, Rupprecht Geiger u.a. um eine lose Interessengemeinschaft namens ZEN 49. Beide Gruppierungen schrieben sich die Abstraktion auf ihre Fahnen.

 

Auch der wissensdurstige, neugierige und experimentierfreudige Zangs ließ sich von den Anregungen aus Amerika und Paris inspirieren. Dazu zählen die Ausstellungen, die er vor allem in Paris sehen konnte und die Begegnungen mit anderen Künstlern. 1951 trifft er WOLS (Alfred Otto Wolfgang Schulze) in Paris, nicht nur ihre Vorliebe unter den Brücken der Seine zu nächtigen, sondern das gemeinsame Interesse an den neuen Ausdrucksmöglichkeiten verbindet sie. WOLS führt Zangs in die Pariser Szene ein, verschafft ihm wertvolle Kontakte und gibt wichtige Ratschläge. Er führt ihn in Ausstellungen, auf denen er die Arbeiten von Hartung, Mathieu, Pollock, Tobay u.a. kennenlernt. Wie viele andere europäische Künstler, ist Zangs von Pollocks revolutionärer Arbeitsweise fasziniert. Legt der Amerikaner doch Leinwände auf Boden und lässt die Farbe darauf tropfen. Diesen polyfokalen drippings lag schließlich eine gänzlich neue Bildauffassung zugrunde.

In der gleichen Arbeitsweise sind auch die drippings von Zangs entstanden, von denen wir in dieser Ausstellung ebenfalls ein Werk ausgestellt haben.

 

Der Ursprung der Verweissungen allerdings geht weniger auf ein Vorbild zurück als vielmehr auf praktische Umstände, die gepaart mit den oben angedeuteten Kriegserlebnissen und psychischen Befindlichkeiten, die dem totalen Neuanfang Deutschlands geschuldet sind.

Anfang der 50er Jahre überließ ein Krefelder Rahmenvergolder Zangs einige Eimer mit Resten weißer Farbe. Hört sich dieser Umstand zunächst recht banal an, entspricht er doch dem Credo des Künstlers: es gibt nichts, was nicht kreativ zu verwerten ist. Die Materialknappheit der Nachkriegszeit tat ihr Übriges.

 

Die Verweissungen haben verschiedene Ursachen.

Zunächst übte die Farbe Weiß seit seines Kriegsdienstes Faszination auf ihn aus. In Finnland stationiert, prägte ihn der überraschende, winterliche Wandel der Landschaft. Als er eines Morgens aufwachte, blickte er in eine verwandelte Welt: Der Schnee hatte die Landschaft über Nacht bedeckt. Das gestern noch Bekannte begegnete dem jungen Menschen mit einem Mal merkwürdig fremd, seltsam entrückt. Das unbekannte Bekannte verlangte nach neuer Orientierung. Die Wirklichkeit büßte ihre Beständigkeit ein.

 

Die Infragestellung von Wirklichkeiten – dies war ein die gesamte Kriegsgeneration prägender Paradigmenwechsel, der auch an den Künstlern nicht spurlos vorbei ging. Weiß schien Zangs ein adäquater Ausdruck seiner inneren und äußeren Befindlichkeiten.

Er ver- oder bedeckt die Objekte nie komplett weiß, sondern lasierendes Weiß gibt das Material, die Strukturen der Oberflächen zu erkennen. Auf der einen Seite wird den verweissten Gegenständen ihre materielle Haptik entzogen und das materiell-energetische Feld gemildet; auf der anderen Seite rücken visuelle Strukturen, ästhetische Rhythmen und Spannungen in den Vordergrund.

Die Wahl seiner Objekte ist vielfältig: vom einfachen Schachteln über Assemblagen (auf einem Trägerplatte montierte Gegenstände) bis zu mixt media Objekten.

Ein Puppengesicht in einem Lampenschirmgestell, ein zerbrochener Kleiderbügel, Holzspangen mit Schrauben versehen, ein Schlips auf einem Blechschild und nicht zuletzt ein liegendes Pferd, an dessen Korpus ein Tischbein gebunden ist – diese fragilen Montagen, die fahl-weißen Oberflächen strahlen morbiden Charakter aus und evozieren Assoziationen zu der Farblosigkeit, der entstellenden Fahlheit des zerstörten Nachkriegsdeutschlands. Die Städte hatten unter dem Krieg ihre Konturen verloren, ganze Straßenzüge waren unter Schutt vergraben, Häuser waren lediglich an Mauerresten erahnbar, Bäume stakten als verkohltes Geäst in den Himmel – die Gegenständlichkeiten sind einer nivellierenden Gewalt zum Opfer gefallen und repräsentieren mehr ein schemenhaft-visuelles Ereignis als eine gegenständliche Konsistenz.

Zangs Verweissungen mildern die Schärfe der Objekte, ihre gegenständliche Präsenz.

 

Weiß verkörpert aber auch den Neuanfang. Tabularasa. Altes verdecken, vergessen und hinter sich lassen. Im Neu-Anfang liegt ein Zauber, die Magie des Unschuldigen und Unbelasteten, die durch die Farbe Weiß seit jeher symbolisiert wird – erinnert sei an die weiße Lilie.

 

Udo Kultermann erinnert daran, dass Weiß gleichermaßen den Mangel an Farbe wie auch die Summe der Farben verkörpert. Der deutsch-amerikanische Kunsthistoriker weiß um die Ambivalenz der Farbe und zitiert eine Passage aus Melvilles „Moby Dick“, die das Weiß des Wales thematisiert: „[trotz dieser tausend Verbindungen, durch die das Weiße sich allem zugesellt, war ruhmvoll und erhaben ist, lauert dennoch etwas schemenhaft Unfassbares im tiefsten Sinn dieser Färbung […]. Die Unfassbare ist die Ursache, warum die Vorstellung des Weißen, wenn es sich aus freundlicheren Beziehungen gelöst und mit etwas an sich Entsetzlichen gepaart erscheint.“


12
Nov 09

2009-11-29 Karikatur

Vortrag:  ” Die Geschichte der Karikatur”

29.11.2009  11 Uhr im Kunstverein Buchholz

Dr. Sven Nommensen

Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig


24
Jul 09

2008-11-27 Livingsten

Basislager Livingsten

Vortrag von Frank Amling “Artful Dodger im Herz der Finsternis”

Was gesucht wird, was es zu finden gibt und wie man das, was man gefunden hat, wieder los wird.
Über künstlerische Projektions- und Produktionsweisen.

Sonntag 27. April, 11.30 Uhr im Kunstverein


24
Jul 09

2008-07-20 Bienen

Finissage am 20. Juli um 11 Uhr mit einem Vortrag von

Jeanette Zippel:”Künstlerische Arbeiten mit und über Bienen”